Nordic Noir aus Island: Ragnar Jónasson

skandinavische flaggen

Ich setze die kleine Serie über meine Ferienlektüre resp dem Genre Nordic Noir fort und beginne mit dem Autor, den ich erst kürzlich für mich entdeckte: Ragnar Jónasson aus Island.

Ragnar Jónasson wurde 1976 in Reykjavík geboren, studierte Rechtswissenschaften und lebt und arbeitet  heute als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er ausserdem Rechtswissenschaften.

Entdeckt habe ich diesen Autor anlässlich meiner letzten Islandreise im September 2023 auf den Hinflug von Zürich nach Keflavík.
Bei Icelandair kommt man in der Economy-Klasse auch auf Kurzstreckenflügen (ZürichKeflavík dauert ungefähr 3h45′) in den Genuss eines Entertainmentsystems mit ca 40 Gratis-Filmen.
Da die Flugdauer für zwei Filme nicht reicht (und ich leider schon fast alle Filme kenne…), habe ich mir auf diesem Flug auch noch die Filme angesehen, die für Island werben. Darunter war ein Beitrag über isländische Krimiautoren, die international Beachtung gefunden hatten. Es fielen die Namen Ragnar Jónasson und
Yrsa Sigurðardóttir.
Ich machte mit dem Smartphone einen Screenshot, als die Namen angezeigt wurden, und nahm mir vor, die beiden Autoren zu googeln, sobald ich wieder Netz haben würde.
Am Abend habe ich im Hotel in Reykjavík genau das getan. Ich habe die Biographien der beiden sowie einige Rezensionen gelesen. Bei der Lektüre der Biographien habe ich auch erfahren, dass die beiden zu den Begründer des „Nordic Noir“ gehören, des skandinavischen Krimistils, den ich besonders mag.  Also beschloss ich, je ein Buch beider Autoren herunterzuladen und die probehalber zu lesen.

Begonnen habe ich mit Ragnar Jónasson und ich bin vorerst dabei geblieben.

Als erstes habe ich den ersten Roman mit dem Protagonisten Ari Þor Arason gelesen, einem jungen Polizisten, der sich von Reykjavík in den Norden Islands, in das abgelegene Dorf Siglufjörður versetzen lässt. Ari Þor Arason hat früher mal Theologie studiert, das Studium wegen Desinteresse nicht abgeschlossen und ist stattdessen an die Polizeiakademie gegangen. Seine Freundin ist Ärztin, die eine lange Karriere plant (auch im Ausland) und dieses Ziel vor alles stellt, auch wenn sie immer wieder daran zweifelt, ob das der richtige (Lebens-)Weg ist. Gegenüber ihrem Freund behält sie allerdings die meisten dieser Gedanken für sich.
Auch Ari Þor möchte bei der Polizei Karriere machen. Er ist allerdings gezwungen, dafür Stellen anzunehmen, die so gar nicht mit den Karriereplänen seiner Freundin zusammenpassen.

Die fünf bisher erschienen Romane mit Ari Þor Arason werden vom deutschen Verlag btb und im Buchhandel auch die „Dark Iceland“ Reihe genannt.
Der erste Roman kam in seiner Originalfassung in Island 2010 unter dem Titel „Snjóblinda“ heraus.
Er wurde wie alle anderen Bücher von Ragnar Jónasson vom Isländischen ins Englische und vom Englischen ins Deutsche übersetzt.
Und wenn man die Örtlichkeiten etwas kennt, an denen die Romane spielen, ist es beim Lesen auch wichtig, jeweils das Ausgabejahr im Hinterkopf zu behalten. In den 13-15 Jahren seit dem Entstehen des ersten Romans hat sich in Island einiges verändert und wird in den Romanen oft nicht mehr so geschildert, wie man es heute antrifft.

Mir hat der Schreibstil von Ragnar Jónasson von Anfang sehr gut gefallen. Seine Figuren sind nicht perfekt und haben zum Teil sehr, sehr dunkle Geheimnisse, die bis in ihre Kindheit zurückreichen. Ausserdem macht Ragnar Jónasson immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit, ohne aber dabei zu viel preiszugeben. Man muss schon aufpassen, dass man die Zusammenhänge erkennt, und oft kann man ein Kapitel erst einige Seiten später zeitlich einordnen. Ragnar gelingt es auch, auf eine völlig unspektakuläre Weise Spannung zu erzeugen, und seinen Geschichten völlig überraschende Wendungen zu geben. Bei allen neun Büchern, die ich inzwischen von ihm gelesen habe, hat mich das Ende immer überrascht, nicht immer zum Guten.
Daneben kenne ich fast alle Örtlichkeiten, die in den Romanen vorkommen: In Siglufjörður war ich schon mehrere Male. Ich kenne dort das Rathaus, die Kirche, die Apotheke, den Supermarkt, die Bäckerei und einige der Restaurants. Ich bin schon zwei Mal durch das Hochtal Lágheiði auf der Tröllaskagi Halbinsel gefahren und der Weg von Siglufjörður nach Akureyri ist mir bestens bekannt. Und auf der Totenklippe (siehe 4. Buch)  bin ich auch schon gestanden.
Und ich kenne auch die zeitlichen und räumlichen Dimensionen in Island aus eigener Erfahrung.
Dadurch werden die Schilderungen in den Romanen von Ragnar Jónasson für mich ziemlich real.

Meiner Meinung nach sollte man die Romane von Ragnar Jónasson der Reihe nach lesen. Zwar ist jeder Roman in sich abgeschlossen. Und man verpasst nichts, wenn man sich bloss einen davon herauspickt. Aber wenn man sie in der Reihenfolge liest, in der sie geschrieben wurden, erweitert sich die Geschichte um die Hauptfigur, man trifft immer wieder auf Bekanntes und man versteht die Protagonisten besser.
Die Romane um Ari erschienen wie folgt:
Schneeblind (Snjóblinda) – Todesnacht (Myrknætti) – Blindes Eis (Rof) – Totenklippe (Andköf) – Schneetod (Náttblinda)
Inzwischen ist in Island ein sechster Roman mit dem Titel „Vetrarmein“ (heisst übersetzt ungefähr Winterkrankheit) herausgekommen, der aber noch nicht übersetzt wurde.

Eine weitere Krimireihe, die Ragnar Jónasson schrieb, ist die Trilogie um die Kriminalkommissarin Hulda Hermannsdóttir, die bei der Kriminalpolizei in Reykjavík arbeitet.
Für diese Trilogie wurde er in der internationalen Presse gefeiert. Der erste Band dieser Reihe, der 2020 unter dem deutschen Titel Dunkel (isl. Dimma) bei btb erschien, wurde von der Times als einer der besten 100 Krimis und Thriller seit 1945 ausgezeichnet.
Auch diese Trilogie sollte unbedingt in der Reihenfolge gelesen, in der sie geschrieben wurde. Die Geschichte von Hulda wird nämlich sozusagen rückwärts erzählt. Das macht die drei Bücher besonders.
Ich gehe hier bewusst nicht auf Details ein, denn das würde die Spannung nehmen.
Die Romane um Hulda erschienen wie folgt:
Dunkel (Dimma) – Insel (Drungi) – Nebel (Mistur)
Später kam noch ein vierter Roman mit dem Titel Frost (Hvítidauði) heraus, der an die Trilogie anschliesst, mit Helgi Reykdal, Huldas Nachfolger bei der Kriminalpolizei.

Als ich die Artikel über Nordic Noir las, fand ich einige Bemerkungen dazu, dass die Autoren damit unter anderem Kritik an ihrer eigenen Gesellschaft übten, und dass nach Einschätzung einiger Rezipienten das Genre mit dem lange idealisierten Bild von Skandinavien als „Hort von Wohlfahrt und Egalität“ aufräume.
Bei Ragnar Jónasson trifft das in meinen Augen sicher zu. In allen neun Romanen, die ich bisher von ihm gelesen habe, wird die isländische Polizei als eine patriarchalische Organisation dargestellt, in der Frauen kaum anerkannt werden und praktisch keine Karrierechancen haben, auch wenn sie nachgewiesener Massen besser sind als einige ihrer männlichen Kollegen.
Ausserdem schildert Ragnar mehrere Fällen von Protektionismus und Vetternwirtschaft bei der isländischen Polizei. Fast alle Chefs werden als karrieregeile Egozentriker dargestellt, deren Unfähigkeit sich erahnen lässt.
Ich habe ehrlich gesagt keine einzige positive Schilderung über die isländische Polizei gefunden. Entweder waren die Schilderungen neutral oder negativ.
Ich finde dieses Bild, welches kaum der Wirklichkeit entsprechen kann, ziemlich extrem. Ich gehe deshalb davon aus, dass Ragnar Jónasson bewusst überzeichnet, um zu zeigen, dass in Island nicht alles Gold ist, was glänzt. Immerhin gilt Island als das fortschrittlichste Land in Europa, wenn es um Chancengleichheit und Toleranz geht. In den Augen vieler Isländer ist man aber von echter Chancengleichheit noch weit entfernt.
Und da Ragnar Jónasson seine Romane immer wieder von aktiven Staatsanwälten und Polizisten gegenlesen lässt, ist vermutlich einiges an seinen Schilderungen wahr.

Das neueste Buch von Ragnar Jónasson ist unter dem Titel „Reykjavík“ erschienen. Es handelt sich um einen Thriller, den er zusammen mit Katrín Jakobsdóttir geschrieben hat. Sie ist seit 2017 die Premierministerin Islands und hat einen Master of Arts in Isländischer Literatur.
Ich bin sehr gespannt darauf, aber dieses Buch muss bei mir erst einmal warten.
Zur Zeit lese ich ‚mal wieder ein Buch meines Lieblingsautoren, des Norwegers Jo Nesbø. Und danach möchte ich mich endlich mal einem Buch von Yrsa Sigurðardóttir widmen.

Stay tuned.

2 Gedanken zu “Nordic Noir aus Island: Ragnar Jónasson

Hinterlasse eine Antwort zu Tom Schmid Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..