
Als ich heute aufgestanden bin, hat’s geregnet.
Deshalb habe ich meine Pläne geändert und wollte zuerst in Bayeux bleiben und das Stadtzentrum zu Fuss erkunden. An der Küste macht es mit Regen nicht so viel Spass…
Allerdings habe ich erfahren müssen, dass das Teppichmuseum in Bayeux mit dem berühmten Teppich aus dem 11. Jahrhundert geschlossen ist. Das Museum wird renoviert und erweitert und der Teppich wird bald zur Restauration nach England geschickt. Das Museum wird erst nächstes Jahr wieder geöffnet.
Damit war ein Teil meines Schlechtwetterprogramms weggefallen und ich besuchte stattdessen das Musée Mémorial de la Bataille de Normandie sowie den danebenliegenden Britischen Soldatenfriedhof, die weniger als einen Kilometer von meinem Hotel entfernt liegen.
In letzterem liegen über 5’000 Soldaten des Commonwealth begraben, die in der Normandie gefallen waren.
Der Britische Soldatenfriedhof unterscheidet sich vom Amerikanischen, den ich gestern besucht habe, insbesondere dadurch, dass bei den Briten keine Kreuze stehen, sondern individuelle Grabsteine, von denen jeder das Emblem des Verbandes trägt, bei dem der Gefallene eingeteilt war. Ausserdem trägt jeder Grabstein einen eigenen Grabspruch.
Bayeux hatte übrigens damals bei der Befreiung und den ganzen Kampfhandlungen in der Normandie keinen einzigen Kratzer erhalten. Das ist wortwörtlich zu verstehen: kein Beschuss, keine Bombardierungen, keine Beschädigungen, keine Verletzten, keine Vermissten und keine Gefallenen. Dadurch ist die Altstadt und besonders die Kathedrale unversehrt durch den Krieg gekommen.
Die Stadt galt als erste befreite Stadt der Normandie und wurde in der Folge von den Briten als Drehscheibe für Nachschub und Verwundetenversorgung genutzt.
Nach dem Besuch des Museums klarte das Wetter auf, vorallem dank des starken Windes, der heute den ganzen Tag in der Normandie wehte. Es wurde dadurch merklich kühler (der erste Tag für mich, an dem ich nicht nur im TShirt unterwegs war), dafür schien die Sonne und am Nachmittag war der Himmel an der Küste praktisch wolkenlos.
Also entschied ich mich kurz vor Mittag, doch noch die Landungsabschnitte Juno Beach und Sword Beach zu besuchen.
In Courseulles-sur-Mer steht das Juno Beach Center, das 2003 auf Betreiben von kanadischen Veteranen eingerichtet wurde und die Rolle Kanadas und dessen Streitkräfte im 2. Weltkrieg beschreibt.
Das Zentrum liegt direkt am Juno Beach. Nach ein paar Schritten steht man an dem kilometerlangen Sandstrand, an dem vor 82 Jahren 14’000 kanadische Soldaten gelandet waren.
Der Wind war hier an der Küste im Übrigen so heftig, dass ich mein Basecap auszog, damit es nicht plötzlich weggeblasen wurde. Der Sand, der durch den Wind aufgewirbelt wurde, brannte spürbar im Gesicht. Aber eben: Ohne den Wind hätte es wohl geregnet.
Ich fuhr weiter nach Osten, bis ich in Colleville-Montgomery an den Sword Beach gelangte .
Hier landete am 6. Juni 1944 unter anderem die schottische 1st Special Brigade, deren Kommandant Lord Lovat ein echter schottischer Clanschief war. Er befahl seinem persönlichen Bagpiper namens Bill Millin, die Landung seiner Leute auf dem Dudelsack zu begleiten, wie es bei den Schotten seit Jahrhunderten im Krieg üblich ist.
Bill Millin tat, was ihm befohlen wurde, und wurde so zu einer Kriegslegende. Er selbst meinte später, dass er wohl nur deshalb nicht von den Deutschen erschossen worden war, weil die ihn für verrückt gehalten hätten.
Am Strand von Colleville-Montgomery steht heute eine überlebensgrosse Statue dieses Dudelsackspielers, die von der lokalen Bevölkerung errichtet worden war.
Ich erinnere mich an die entsprechende Szene im Film „Der längste Tag“. Damals fand ich es amüsant und dachte, da hätte Hollywood mal wieder einen schottischen Stereotyp bemüht. Heute habe ich gelernt, dass die Geschichte wahr ist.
Aprops „wahr„: Ich habe bei den Amerikanern am Utah Beach die Skizze gesehen, die Leutnant Richard „Dick“ Winters nach der Landung der Fallschirmjäger der 101st Airborn Division in der Normandie von einer deutschen Artilleriestellung gezeichnet hatte. An diese Szene und wie Winters die Stellung ausschaltete (wofür er auch ausgezeichnet worden war), erinnere ich mich bei der Serie „Band of Brothers„. Wobei hinläglich bekannt ist, dass dies Serie auf wahren Begebenheiten basiert und die darin dargestellten Figuren tatsächlich gelebt hatten.
Auf dem Amerikanische Soldatenfriedhof, den ich gestern besuchte hatte, fand ich die Portraits von 4 Brüdern, von denen drei im 2. Weltkrieg fielen und einer nach Hause geschickt wurde. Das ist die Hintergrundgeschichte, auf der der Film „Saving Private Ryan“ basiert.
Der Wind war übrigens am Strand von Cor noch einen Zacken schärfer. Ohne Sonnebrille hätte ich die Augen nicht offen halten können und die Autotüre musste beim Öffnen gut festgehalten werden, damit sie einem nicht aus der Hand gerissen wurde.
Wenn der Wetterbericht stimmt, dann wird morgen das gleiche Wetter herrschen wie heute: Sonnig, blauer Himmel, aber ziemlich windig.
Ich denke, ich werde morgen etwas mehr in Landesinnere fahren, in der Hoffnung, dass der Wind dort etwas an Kraft verliert. Ich habe da auf der Karte etwas gefunden, das ich mir ansehen will.
Stay tuned.
