Meine Tour de Romandie: Ein Tag in den Stammlanden des Absinthe

Heute war ich im Val-de-Travers unterwegs.

Wenn ich schon hier bin, verstand es sich von selbst, dass ich mich erst einmal für den berühmten Absinthe (auch Absinth geschrieben) interessierte, denn ich mag ihn. 😉
Und er stammt ursprünglich tatsächlich von hier (das erste Rezept für das Brennen des Heilmittels (!) aus dem 18. Jahrhundert stammte aus Couvet NE im Val-de-Travers).

Also meine lieben Freunde aus Tschechien, Frankreich oder von wo auch immer; liebe Künstler, Schriftsteller und andere franco-affinen Bonvivants auf der ganzen Welt: Nein, der Absinthe stammt nicht von Euch oder Eurer Gegend!!!
Er ist ein echtes und originales Schweizer Produkt.
Man kann ihn deshalb auch hier an jeder Ecke in unüberschaubar vielen Sorten kaufen, jedes Restaurant hat auf seiner Karte in der Regel mehrere Gerichte, bei denen Absinthe verarbeitet wurde, und in Môtier NE gibt es wohl das einzige Museum weltweit, das sich mit der Geschichte des Absinthe auseinandersetzt, das Maison de l’Absinthe.

Dort kann man den Absinthe auch degustieren und kaufen. Allerdings ist man dabei bei den vielen verschiedenen Marken und Sorten auf die kompetente Beratung der Museumsangestellten angewiesen.
Ich habe den Patron meines Hotels auf dem Chapeau de Napoleon gefragt, welches denn der beste Absinthe sei. Seine Antwort war: „C’est comme avec le vin…„. Es ist also auch Geschmackssache und ohne degustieren kommt man fast nicht weiter.
Ich empfehle für ein solches Unternehmen von Anfang an ein Taxi zu nehmen. Mit dem eigenen Auto ist es nicht wirklich empfehlenswert. Einige der Marken haben bis zu 70% Alkohol. Selbst wenn man wenig davon kostet, und dieses auch wie üblich mit Wasser vermischt, läuft man schnell Gefahr, die Promillegrenze für’s Autofahren zu überschreiten.

Übrigens ist dieses Vergnügen (falls man den Absinthe mit seinem Anisgeschmack überhaupt mag), erst seit gut 15 Jahren wieder legal. Der Absinthe wurde wohl in der Schweiz erfunden, aber es war auch die Schweiz, die 1910 das weltweit rigoroseste Verbot von Absinthe erliess und es auch gleich in die Verfassung schrieb. Dieses Verbot wurde erst 2005 wieder aufgehoben und somit die Produktion, der Verkauf und der Konsum von Absinthe legalisiert.
Vorher war es so, wie es mit jeder Prohibition auf der Welt war respektive ist: Das Verbote erhielt nicht nur einen besonderen Reiz, sondern die Produktion, der Handel und der Konsum verlagerte sich ins Verborgene. Im Val-de-Travers wusste so ziemlich jeder, wer Absinthe produzierte (im Keller, in der Scheune, im Wald) und wo man ihn kriegte. Aber man schwieg eisern und hielt zusammen. So war es für die Behörden nicht einfach, die Schwarzbrenner aufzuspüren. Selbst wenn es in den Strassen der Dörfer verdächtig nach Anis roch, tat jeder so, als wäre da nichts…

Am Nachmittag besuchte ich dann die ehemalige Produktionsstätte eines weiteren Produkts, das aus dem Val-de-Travers weltweit verkauft wurde: die Asphaltminen von Travers.
In den Minen in der Region La Presta der Gemeinde Travers NE wurde zwischen 1711, als der griechische Arzt Eirini d’Eirinis zum ersten Mal Asphalt im Val-de-Travers fand und 1986 , als der Abbau definitiv eingestellt wurde, Asphalt abgebaut, verarbietet und in die ganze Welt verkauft. Diese Minen waren die einzigen in der Schweiz und auch der ganze Stolz der Neuenburgischen Industrie.

Heute kann man die Minen besichtigen. Genauer gesagt einen Teil der oberen Mine. Die untere Mine liegt tiefer als das Flussbett der Areuse und nicht nur völlig zerfallen, sondern auch komplett mit Grundwasser geflutet. Die untere Mine umfasste ca 80 km Stollen, während die oberer Mine „nur“ ca 20 km Stollen hat.
Davon ist ca ein halber Kilometer für Besucher begehbar.
Jeden Tag um 14:00 gibt es eine ca eineinhalbstündige Führung in die Mine. Das Besondere – und somit anders als in anderen Höhlen – ist dabei der Umstand, dass es in der Mine kaum Licht gibt. In den Stollen ist es stockfinster und die Besucher brauchen eine Taschenlampe, um etwas zu sehen (bei der Führung werden einige abgegeben, aber ich empfehle, einen LedLenser mitzunehmen). Ausserdem ist es in den Minen ständig ca 8 Grad Celsius und sehr feucht. Eine Jacke empfiehlt sich auch im Hochsommer. Und die Böden der Stollen sind naturbelassen. Sie sind wohl leicht begehbar, aber gutes Schuhwerk empfiehlt sich trotzdem.
Alles in allem ein interessanter Ausflug in die Schweizer Industriegeschichte.

Eine Spezialität der Minen ist der Schinken, der im Asphalt gekocht wird. Jährlich werden im zugehörigen Restaurant ca. 5 Tonnen davon verkauft. Der Schinken (ca 8 kg) wird vom Metzger in mehrere Lagen Papier und Mehlsäcke eingepackt und dann für ca 3 – 4 Stunden im 160 Grad heissem Asphalt gekocht. Der Asphalt, der das Abdichtungsmittel schlechthin ist, sorgt dabei dafür, dass der Schinken seinen Saft behält und nicht austrocknet. Allerdings habe ich gehört, dass längst nicht jeder Schinken, der als solches verkauft wird, wirklich im Asphalt gekocht wird. Die benötigte Menge ist dafür einfach zu gross…

Im Übrigen hat das Wetter wieder einmal umgeschlagen. Wie in der restlichen Schweiz hatte es auch hier um ca 14:00 begonnen, richtig stark zu regnen. Teilweise war auch Donner hörbar. Während der Nacht soll es noch einmal so richtig giessen. Aber morgen soll es dann wieder aufhellen und am Nachmittag sind sogar einige Sonnenstrahlen möglich.

Morgen fahre ich zuerst nach Grandson, um dort das Schloss zu besuchen (falls es geöffnet ist), und dann entlang dem Neuenburgersee (dem flächenmässig grössten See, der vollständig in der Schweiz liegt) nach Neuchâtel zu fahren. Dort werde ich die Nacht auf Montag bleiben.

La Maison de l'Absinthe
La Maison de l’Absinthe

 

 

Les Mines d'Asphalte
Les Mines d’Asphalte