Nachdem es in der Nacht noch geregnet hatte, war es am Morgen rund um mein Hotel schon fast wieder trocken. Tatsächlich gab es noch ein paar Regenzellen, die vom Wind herumgetrieben wurden. Aber die Sonne drückte stellenweise schon wieder durch die sonst dichte Wolkendecke.
Meine ursprünglich geplante Route konnte ich heute nicht fahren, weil eine Brücke auf der Ringstrasse, die Hängebrücke Brúin yfir Jökulsá á Fjöllum schon seit Monaten generalüberholt wird und deshalb tagsüber grösstenteils gesperrt ist. Bloss für einige kurze Zeitfenster alle drei Stunden wird sie geöffnet. Das hätte unter Umständen bedeutet, dass ich dort 3 Stunden gestanden wäre, wenn ich das Zeitfenster der Öffnung am Morgen nicht erwischt hätte. Das wollte ich mir nicht antun und entschied mich deshalb für die kürzere, weiter nördlich liegende Strecke, über die ich gestern schon gekommen war.
Dadurch hatte ich mehr Zeit, bei Sehenswürdigkeite vorbeizuschauen. 😉
Meine erste Station war der Dettifoss, der wasserreichste Wasserfall Europas (Nummer zwei in dieser Kathegorie ist der Rheinfall). Auf einer Breite von 100 Metern fallen durchschnittlich 193 m³ Wasser pro Sekunde 44 Meter in die Tiefe.
Beim Dettifoss muss man vom Parkplatz ca einen Kilometer über einen Feldweg zum Wasserfall gehen. Das bremst die Touristenmeuten ein wenig, die mit Bussen auffahren.
Ich kann mich gut an meinen ersten Besuch hier vor acht Jahren erinnern. Es war auch Anfang September, aber damals lag schon Schnee und Wasserpfützen waren zugefrohren. Die asphaltierten Strassen waren zwar geräumt, aber sonst lag überall Schnee, zum Beispiel auch auf dem Parkplatz.
Neben Japanern, die ständig auf den Eisblasen stürtzten, weil sie nicht durch den Schlamm gehen wollten, habe ich eine Gruppe Inder beobachtet, die in Sari und Sandalen aus dem Bus stiegen und völlig entsetzt gleich wieder kehrt machten. Für die ist der Detiifoss damals ausgefallen…
Auch heute war es empfindlich kühl, dank Wind und Bevölkung. Selbst ich setzte eine Mütze auf und zog Handschuhe an.
Etwa einen Kilometer flussaufwärts liegt der kleinere Wasserfall Selfoss. Der ist aber auch sehr sehenswert, weil er hufeneisenförmig ist und mehrere kleinere Wasserfälle hat. Es lohnt auf alle Fälle, beide Wasserfälle zu besuchen. Das braucht etwas Zeit, aber die hatte ich ja. Und das Wetter machte auch mit.
Nach einem kleinen Imbiss zu Mittag auf einer Picknickbank beim Parkplatz (der übrigens als einziger heute noch gratis war) ging’s dann weiter Richtung Krafla.
Schon beim Starten meldete sich mein Auto und blockierte das Display mit einer Warnung, dass sich auf der Strasse Eis bilden könnte! Die Temperatur war unter 4 Grad Celsius gefallen. Damit war für das Auto eine Warnung fällig, die sich übrigens ständig wiederholte, bis die Aussentemperatur in tieferen Lagen wieder über 4 Grad stieg. Mit eis war übrigens nix, da die Strasse sowieso trocken war. 😉
Ganz allgemein ist dieser Suzuki sehr kommunikativ. Ständig pfeift es wegen irgendwas.
Das System teilt mir mit, wenn sich die signalisierte Höchstgeschwindigkeit ändert (in meinen Augen sinnvoll), wenn ich über die Mittellinie fahre (auch sinnvoll, macht mein KUGA auch), wenn ich schneller als die signalisierte Geschwindigkeit fahre (sehr sinvoll), wenn das System den Eindruck hat, dass ich müde wirke (woher es das weiss, ist mich schleiderhaft, da ich immer eine dunkle Sonnenbrille trage…) und es sagt mir, ich solle meine Augen die Strasse richten, wenn es das Gefühl hat, dass ich zu lange aus dem Seitenfenster schaue….
Und so weiter. Da braucht man keinen nervigen Beifahrer, der einem immer sagt, was man wie machen soll. 😉
Wäre das mein Auto, müssten man das alles ausschalten.
Die Krafla bietet zwei Sehenwürdigkeiten: den grossen Kratersee sowie die Lavafelder, die von den „Kraflafeuern“ zurückblieben, der bisher letzten Ausbruchsserie der Krafla von 1975 bis 1984.
Ausserdem gibt es dort ein grosses Thermalkraftwerk, das Krafla-Kraftwerk. Davon sieht man nicht nur das Kraftwerksgebäude und die grossen Dampfsäulen. Man sieht auch das Netz der Dampfleitungen, mit denen der heisse Dampf aus dem Boden zum Kraftwerk geführt wird. Das Kraftwerk hat eine Gesamtleistung von 60 MW (60’000’000 Watt). Das reicht rechnerisch aus, um etwa 40’000 bis 60’000 Haushalte gleichzeitig mit Strom zu versorgen.
Von der Krafla (Vulkane haben in Island übrigens alle weibliche Namen) aus ist es ein Katzensprung zum Geothermalgebiet Hverir am Námafjall, das natürlich auch zum Vulkansystem der Krafla gehört.
Hier kocht der Boden. Das Wasser tritt mit 100 Grad Celsius an die Oberfläche, entweder blubbernd in Schlammteichen oder unter Hochdruck als Dampf aus Felsspalten und Steinhäufen. Dabei handelt es sich um Regenwasser, das in den heissen Boden versickert, zu kochen beginnt und dadurch wieder aufsteigt.
Gleichzeitig liegt ständig ein Duft von Schwefel in der Luft.
2020 haben mir zwei Spanier erzählt, sie hätten beobachtet, wie eine junge Engländerin beim Fotografieren über die Absperrungen stieg und bis zu den Oberschenkeln in eines der Schlammlöcher geriet. Resultat: Beide Beine verbrannt.
Von Hverir bin ich über den Námaskarð-Pass zum Mývatn, dem Mückensee. Dort habe ich dieses Mal nicht angehalten. Mir war nicht nach kleinen Fliegen, die, vom ausgeatmeten Kohlendioxid angezogen, versuchen, in Mund, Nase und Ohren zu kriechen.
Also bin ich einfach dem See entlang weitergefahren bis zum Goðafoss, dem Wasserfall der Götter.
Hier bin ich nun für zwei Nächte abgestiegen.
Übrigens wurde das Wetter immer besser, je weiter ich nach Westen fuhr. Schon bei der Krafla schien die Sonne (während allerdings ein bissiger Wind wehte), und hier beim Goðafoss waren bloss noch Schleierwolken am Himmel und um 20:00 sah man den abnehmenden Mond am Horizont aufgehen.
Stay tuned.
