
Wie gestern angekündigt, habe ich meinen Weg vom Goðafoss nach Varmahlíð (dt. „warmer Abhang“) etwas verlängert, in dem ich, anstatt direkt hinzufahren, die Tröllaskagi (die Trollhalbinsel) umrundet habe.
In Seyðisfjörður an der Nordspitze der Halbinsel habe ich wie geplant Mittagspause gemacht. Allerdings war das Hering Ära Museum, das ich besuchen wollte, erst am Nachmittag geöffnet (das will ich mir seit Jahren ansehen, habe aber bisher nie Glück gehabt). Somit blieb es bei einem kurzen Spaziergang und Kaffee mit Kuchen zum Mittagessen. 😉
Um nach Seyðisfjörður zu kommen, fährt man von Ólafsfjörður durch drei Tunnel, wobei der erste nur einspurig befahrbar ist. Das heisst, man hat gefühlt alle 200 Meter eine Ausstellbucht, in der man abwarten muss, bis der entgegenkommende Verkehr, der vortrittsberechtigt ist, vorbeigefahren ist. Bei grösserem Verkehrsaufkommen artet die 7 km lange Fahrt durch den engen Tunnel in ein regelrechtes „Bucht-Hopping“ aus.
Diese drei Tunnel gibt es übrigens noch nicht sehr lange. In den Krimis von Ragnar Jónasson, die in Seyðisfjörður in den 2010er Jahren spielen, gibt es diese Tunnel noch nicht, und das Dorf ist im Winter oft von der Aussenwelt abgeschnitten, weil die Passsstrassen dann zugeschneit sind.
Auf der anderen Seite der Halbinsel trifft man nach einem kurzen, noch engeren Tunnel eine Strasse an, die durch einen ständigen Wechsel von Asphalt- und Naturstrasse gekennzeichnet ist. Auf der Naturstrasse kann man nicht ganz so schnell fahren, insbesondere wenn es, wie jetzt im Herbst, viele Schlaglöcher hat. So fährt man denn 2 km mit 90 km/h auf dem Asphalt, um dann abzubremsen und so langsam zu fahren, dass man den Schlaglöcher ausweichen kann. Nach 500 Meter kommt dann wieder Asphalt, und so weiter…
Die Fahrt lief problemlos, mit ab und zu einigen Regenschauern. Aber nichts Besonderes.
Das gibt mir die Gelegeneheit, auf eine aktuelle politische Situation in Island einzugehen.
Letztes Wochenende fand hier ein Referndum statt, in dem die aktuelle, sozialdemokratische Minitsterpräsidentin und ihre linksliberale Regierung die Bevölkerung fragte, ob Island die 2013 auf Eis gelegten Beitrittsverhandlungen mit der EU (isländisch Evrópusambandið ESB) wieder aufnehmen soll.
Die Isländer sagten mit 52.8% zu 47.2% Nein. Somit wird Island in den nächsten Jahren mit Sicherheit keine diesbezüglichen Gespräche mit der EU führen, zumindest bis Ende der aktuellen Legislaturperiode 2028.
Die Gründe für dieses Resultat sind vielfältig.
Der Sebstbestimmungswille der Isländer dürfte dabei definitiv einen grosse Rolle gespielt habe. Insbesondere die Angst, dass die EU in ihren Gewässern fischen würde, ist nicht zu unterschätzen. Immerhin kam es deshalb schon einmal zu Auseinandersetzungen zwischen Island und Grossbritannien. Die Kabeljaukriege (isländisch Þorskastríðin) waren eine Reihe von unblutigen Konflikten zwischen Island und dem Vereinigten Königreich (sowie zeitweise Westdeutschland) in den Jahren 1958 bis 1976 um die Fischereirechte im Nordatlantik.
Auch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch ausländische Firmen (die jetzt schon oft aus der EU kommen) ist auch ohne die Beitrittsverhandlungen in Island seit Jahren ein heiss umstrittenes Thema.
Entscheidend für den Ausgang des Referendums war aber das Stadt-Land Gefälle. Das Land hat die Städte überstimmt.
Während in den wenigen Städten (in denen die Mehrheit der Einwohner Islands lebt) vorwiegend links, grün und liberal wählende Leute leben, ist das Land geprägt von vorwiegend selbstständigen Kleinbauern und Fischern.
Diese haben eine sehr konservative Haltung und trauen der EU grundsätzlich nicht. Ausserdem haben sie schlicht Angst um ihr Gewerbe, wenn man durch die EU fremde, billigere Ware ins Land würde.
Für diese Leute reicht Islands EFTA-Mitgliedschaft völlig aus.
Einzig das Thema „Personenfreizügigkeit“ dürfte keine Rolle gespielt haben. Islands Wirtschaft (Tourismus, Industrie und Landwirtschaft) würde ohne Fremdarbeiter nicht funktionieren. Das hat das Land während und nach der CORONA Krise schmerzhaft zu spüren bekommen.
Die Bauern haben also den Städtern den Tarif durchgegeben.
Obwohl fast zwei Drittel aller Isländer in der Agglomeration Reykjavík leben und nur ein Drittel im Land verteilt ist, haben die eine Mehrheit zusammengebracht.
Das hat aber auch damit zu tun, dass selbst in den Städten bei Weitem nicht alle für die Wiederaufnahme der Gespräche waren. Einzig in Reykjavík selbst fand sich dafür eine Mehrheit.
Einen Ausdruck dieses Widerstandes der Bauern sieht man immer noch, wenn man heute über Land fährt.
Die Bauern fahren jetzt die Wintervorräte ein, und überall liegen Siloballen. Einige sind bei den Höfen bereits für den Winter aufgestapelt, andere liegen noch auf den Feldern. Und an viele dieser Siloballen, wenn sie denn in der Nähe eine Strasse liegen, sind grosse Poster angeklebt, auf denen steht „ESB Nei takk!“ (EU Nein danke!).
Das sind nicht nur einzelne Höfe. Das hat landesweit stattgefunden. Ich bin bis heute Abend über 800 km durch Nordisland gefahren und ich habe es überall gesehen.
Normalerweise kümmere ich mich nicht um die isländische Politik, wenn ich hier bin. Dieses Mal war es einfach nicht zu übersehen. 😉
Stay tuned.
