In diesem dritten Post zu „Nordic Noir„ stelle ich meinen persönlichen Lieblingsautor vor: Jo Nesbø aus Norwegen.
Jo Nesbø wurde 1960 in Oslo geboren. Nach einer Ausbildung als Diplom-Kaufmann und Finanzanalyst an der Norwegischen Handelshochschule Bergen war er neben seiner Tätigkeit als Sänger und Komponist der Popgruppe Di Derre als Makler und Journalist tätig. Heute ist er hauptberuflicher Schriftsteller.
Dass Jo Nesbø einer meiner bevorzugten Autoren ist, kann durchaus daran liegen, dass er der erste skandinavische Autor war, von dem ich ein Buch gelesen habe. Aber ich denke, das alleine kann nicht der Grund sein, weshalb ich Nesbøs Bücher so gerne lese.
Als ich vor etlichen Jahren nach Tom Clancy, Thomas Harris und Donna Leon nach einem neuen Krimi suchte, kam mir zufällig einer der ersten Bände von Jo Nesbøs Harry Hole Serie in die Hände. Ich erinnere mich heute nicht mehr daran, welches Buch das war.
Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich das Eröffnungskapitel las, das genau dann aufhörte, als etwas Schlimmes passierte (ohne genau zu beschreiben, was dieses „Schlimme“ war). Und das zweite Kapitel beschrieb dann eine völlig andere Situation, an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit.
Auf die Geschehnisse im ersten Kapitel kam Nesbø erst mehrere Kapitel später zurück.
Genau dieser Erzählstil gefällt mir.
Jo Nesbø benutzt nicht bloss die Technik der Rückblenden. Das wäre für ihn wohl zu simpel. Er fordert seine Leser, indem er mit zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Verschachtelungen Spannung aufbaut.
Diese Technik kann ich übrigens bei Filmen nicht ausstehen. Dort langweilt sie mich, und wenn ein Regisseur zu oft davon Gebrauch macht, schaue ich mir den Film ziemlich sicher nicht bis zu Ende an.
Aber hier ist das anders.
Immer wieder streut Nesbø auch Einblendungen aus der Perspektive der Täter ein. Dabei entsteht in einem zweiten, parallelen Erzählstrang ein Bild des Täters, seiner Vergangenheit, seiner Gedanken, seiner psychischen Verfassung und seiner Motive.
Ganz allgemein hat Jo Nesbø einen flüssigen Schreibstil, der sich sehr angenehm liest. Dabei ist er sehr detailtreu, ohne langatmig (und damit langweilig) zu sein. Man kann sich die von ihm beschriebenen Szenen sehr gut vor dem geistigen Auge sehen. Das dürfte mit ein Grund für den Erfolg seiner Bücher sein, denn niemand will 600 Seiten anstrengenden Text lesen.
So etwas kann man bei Franz Kafka haben, wenn man will. Und Kafkas Werke sind kürzer als Nesbøs Bücher…
Seine Hauptfigur ist Harry Hole, ein Polizist bei der Osloer Mordkommission. Harry ist alleinstehend, Kettenraucher und Alkoholiker.
Ich würde ihn als „körperlich und psychisch ziemlich kaputt, aber mit einem sehr feinen Gespür und einer ausgeprägten Fähigkeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen“ beschreiben.
Harry ist zuweilen auch ziemlich unsympathisch und tut Dinge, die keinen Sinn machen. Aber er ist meistens ehrlich.
Harry hat kaum Freunde, und die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten mögen ihn nicht. Der Osloer Polizeipräsident, seinerseits eine schmierige, karrieregeile und vermutlich korrupte Figur, sagt selber, dass er Harry hasst.
Und Harry kann mit dieser Situation dann nicht mehr umgehen, wenn dazu noch die Belastung von brutalen Morden kommt, die er zu untersuchen und zu lösen hat.
Er stürzt dann komplett ab und besäuft sich bis zur Besinnungslosigkeit. Schon fast überflüssig zu erwähnen, dass auch sein Privatleben zu grossen Teilen chaotisch und kaputt verläuft.
Übrigens leidet seine Kollegin unter einer bipolaren Störung…
Manchmal frage ich mich, ob Jo Nesbø mit diesen Figuren nicht zu sehr in die Phantasie abdriftet. Solche Polizisten dürften auf lange Frist weder dienstfähig noch tragbar sein.
Eine Eigenheit von Nesbøs Kriminalromanen fiel mir schon auf, als ich das erste Buch las. Und ich war vom ersten Moment davon fasziniert:
Die geschilderten Verbrechen werden nicht als nur sehr brutal geschildert. Der Autor ist auch sehr erfinderisch, wenn es darum geht, sich Verbrechen auszudenken. Ich bin sicher, wenn ein Täter auch nur eines der Verbrechen begehen würde, so wie sie Jo Nesbø beschreibt, würde er, wenn er denn erwischt würde, bis zum Ende seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt eingesperrt werden.
Man braucht schon eine gehörige Portion einer besonderen Phantasie, um sich all das auszudenken.
Ein Beispiel: In „Durst“ (Originaltitel Tørst) überfällt der Täter alleinstehende Frauen in ihren Wohnungen und beisst ihnen mit einem schwarzlackierten Stahlgebiss den Kehlkopf heraus. Dabei trägt er immer Cowboy-Stiefel. Und man nimmt an, dass er danach das Blut seiner Opfer trinkt. Einmal mixt er sich nach dem Mord sogar ein Smoothie mit dem Blut des Opfers und Zitronen….
Und das alles passiert im heutigen Oslo.
Alle Verbrechen und Verbrecher bei Jo Nesbø sind von diesem Schlag: richtige Psychopathen. Und sie sind sicher Serienmörder, denn ein solcher Mord wäre wohl nicht genug.
Man kann also sicher sein, dass man nicht 0815 Krimistoff serviert kriegt, wenn man ein Harry Hole Buch in die Hand nimmt.
Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es 13 Romane mit Harry Hole.
Der erste kam 1997 heraus, der bisher letzte, den ich noch nicht gelesen habe, 2022:
Der Fledermausmann (Flaggermusmannen) / Kakerlaken(Kakerlakkene) / Rotkehlchen(Rødstrupe) / Die Fährte(Sorgenfri) / Das fünfte Zeichen(Marekors) / Der Erlöser(Frelseren) / Schneemann(Snømannen) / Leopard(Panserhjerte) / Larve(Gjenferd) / Koma(Politi) / Durst (Tørst) / Messer(Kniv) / Blutmond (Blodmåne).
Alle 13 Bände werden in Deutsch bei ullstein verlegt.
Jo Nesbø schreibt natürlich nicht nur Harry Hole Romane. Er hat schon viele andere Romane herausgebracht, von denen ich bisher Der Sohn (Sønnen) und Headhunters (Hodejegerne) gelesen habe. Drei weitere sind noch auf meiner Leseliste.
Und soeben ist die deutsche Übersetzung seines neuesten Buches bei ullstein herausgekommen:
Das Nachthaus (Natthuset)
Ersten Beschreibungen zufolge handelt es sich dabei wieder um einen typischen Nesbø im Nordic Noir Stil. Ich bin gespannt. Sobald ich Durst mit Harry Hole fertig gelesen habe, werde ich mir Das Nachthaus zu Gemüte führen.
Jo Nesbø hat eine eigene Homepage –> https://jonesbo.com/









